Meine Bilder sind gemalte Gedanken. Sie entstehen aus geistigem Nacherleben gelesener oder selbst erdachter und erlebter
Geschichten. Sie sind Ausschnitte einer anderen Welt, die wie Fetzen aus einem großen Ganzen gerissen jeder für sich eine
eigene, ganz bestimmte und persönliche Szene zeigt, die doch alle zusammen ein Kontinuum meiner Arbeit bilden, mein ganz
eigenes Reich. Es ist als würde in einer dunklen Welt eine Laterne einen Lichtstrahl ausschicken, der immer wieder Bilder
erhellt, Geschehnisse einfängt und Szenen aufleuchten lässt und in neue assoziative Zusammenhänge bringt.
Meine Bilder sind „Illuminationen“. Denn wie der französische Symbolist Odilon Redon, dem ich mich künstlerisch eng verbunden
fühle, möchte ich das „mangelhafte Wort Illustration“ vermeiden. Der Begriff Illumination trifft es viel mehr, denn durch die
Erleuchtung einer Szene, die doch vieldeutig bleibt, werden im Betrachter Emotionen und Gedanken evoziert, die gerade in ihrer
Subjektivität variieren.
Meine Bilder brauchen Licht und Dunkelheit. Licht befähigt uns zu sehen, es ist die existenzielle Grundlage der Bildenden
Kunst. Es illuminiert meine Gedanken, fängt Bilder ein und macht sie für den Betrachter sichtbar. Dunkelheit ermöglicht Leben.
Durch die Suggestivität meiner Arbeiten kommt dem Schwarz eine bedeutende Funktion zu: Redon bezeichnet das Schwarz als
wichtigste aller Farben „la Couleur plus essentielle“. Schwarz ist unendlich tief, es erschafft Räume, in denen Gedanken
entspringen, es ist nächtlich, magisch und mystisch, es ist Tod, Traum und Leid. Doch ist es bei mir nicht bloß eine
Gedankenwelt von Tod und Leid und Trauer, sondern vielmehr ein geistiges Rückverfolgen der Evolution bis zu einer Zeit, an der
kein Leben mehr war, der Punkt, an dem es entsprang. So lautet mein liebster Titel eines von Redons Bildern: „Als das Leben
auf dem Grund der dunklen Materie erwachte.“
Meine Bilder zeigen Leben. Thematisch beschäftige ich mich mit dem Sein, wie mein Lehrer Jörg Eberhard sagte: „Es geht um
Geburt, Tod und das Dazwischen“. Es interessiert mich das Entstehen und das Vergehen, genauso wie die Zustände auf dem Pfad
vom einem zum anderen, jedoch liegt mal das eine und mal das andere im Fokus der Beschäftigung. Hier spiegelt sich meine
Vorstellung vom Sein: Die beiden Pole „Entstehen, Wachsen, Veränderung“ und „Sein, Struktur, Form“ werden durch das „Vergehen
und Enden“ in Balance gehalten. Im Zusammenspiel dieser drei Aspekte liegt alle Existenz begründet.
Ute Schätzmüller
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